| Veranstaltung: | 25. JRK-Landesversammlung #jrklv26 |
|---|---|
| Antragsteller*in: | Marvin Kliem, Sabrina Preßler, Sebastian Müller |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 13.07.2026, 09:36 |
A2: Digitale Teilhabe, Medienkompetenz und Schutz im Netz – für eine gerechte und sichere digitale Zukunft junger Menschen
Antragstext
Das Bayerische Jugendrotkreuz bekennt sich zu digitaler Gerechtigkeit,
Medienkompetenz, dem Schutz junger Menschen im digitalen Raum und zur aktiven
Förderung demokratischer Haltungen als zentralen Aufgaben zeitgemäßer
Jugendarbeit. Der Verband verpflichtet sich, die sieben Grundsätze des Roten
Kreuzes – Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit,
Freiwilligkeit, Einheit und Universalität – konsequent auch in digitalen Räumen
zu leben, zu vertreten und in der eigenen Verbandsarbeit sichtbar zu machen. Die
Landesversammlung fordert den Landesausschuss auf, die nachfolgenden Positionen
aktiv nach innen und außen zu vertreten, gegenüber Politik und Gesellschaft
einzubringen und in der Verbandsarbeit des Bayerischen Jugendrotkreuzes zu
verankern.
Begründung
Jugend im digitalen Zeitalter: eine neue Realität
Für Kinder und Jugendliche ist das Smartphone heute kein Freizeitgerät mehr, sondern zentrales Werkzeug des Alltags: für schulisches Lernen, soziale Kontakte, politische Information und kulturelle Teilhabe. Laut der JIM-Studie 2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest besitzen 97 Prozent der Zwölf- bis 19-jährigen ein eigenes Smartphone und verbringen damit im Schnitt täglich rund vier Stunden, bei älteren Jugendlichen über viereinhalb Stunden. Social Media ist für sie, wie die JIM-Studie festhält, „nicht nur ein Angebot, sondern elementarer Bestandteil des Alltags und des Zusammenlebens geworden." Das Internet bietet enorme Chancen: Jugendliche können Wissen abrufen, sich politisch organisieren, kreativ ausdrücken und globale Gemeinschaften aufbauen. Diese Chancen ernstzunehmen ist genauso wichtig wie ein nüchterner Blick auf die Risiken.
Risiken ernst nehmen ohne die Realität zu verzerren
Exzessive Mediennutzung und ihre möglichen Folgen für psychische Gesundheit, Schlaf und Selbstregulation sind real. Gleichzeitig gilt: Mobbing, Ausgrenzung, Hetze und das Gefühl, nicht dazuzugehören, sind keine Phänomene, die das Internet erfunden hat. Sie existierten lange vor Social Media in Schulklassen, Sportvereinen und Jugendzentren. Das Digitale hat diese Erfahrungen für viele junge Menschen verschärft, weil Anfeindungen nun rund um die Uhr, ohne räumliche Grenzen und mit enormer Reichweite stattfinden können. Laut der Sinus-Jugendstudie 2023/2024 haben 61 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren bereits Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht: ein Anstieg um zehn Prozentpunkte gegenüber 2021. 16 Prozent gaben an, selbst direkt betroffen gewesen zu sein.
Auch die Verbreitung von Desinformation, extremen Inhalten und Verschwörungstheorien ist kein Problem, das man alleine dem Internet allein anlasten kann. Es ist aber ein Problem, das durch algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeitsmaximierung systematisch verstärkt wird. Die Intensivierung bestehender Probleme und die neue Qualität ihrer digitalen Dimension erfordert konkrete Antworten.
Digitale Spaltung als Gerechtigkeitsfrage
Digitale Teilhabe ist keine Selbstverständlichkeit. Kinder aus einkommensschwachen Familien und aus ländlichen Regionen sind weiterhin strukturell benachteiligt: durch veraltete Geräte, fehlende Breitbandverbindungen und unzureichende Begleitung im Umgang mit digitalen Medien. Für viele Jugendliche, die ohnehin mit Ausgrenzungserfahrungen aufwachsen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer sozialen Lage setzt sich diese Benachteiligung im digitalen Raum fort. Derselbe Raum, der für sie Schutz, Information und Gemeinschaft bieten kann, ist zugleich Ort von Anfeindungen und Abwertung. Das Bayerische Jugendrotkreuz versteht Inklusion als Grundprinzip seiner Arbeit und nimmt diese Lebensrealitäten in seiner Haltung und seinen Angeboten ernst.
Jugendarbeit als Gegengewicht und Ort der Begleitung
Attraktive, niedrigschwellige und verlässliche Angebote der Jugendverbände sind ein unverzichtbares Gegengewicht zur digitalen Vereinzelung. Das JRK bietet, was Algorithmen nicht ersetzen können: echte Begegnung, gelebte Gemeinschaft, die Erfahrung von Wirksamkeit und das Gefühl, gebraucht zu werden. Gerade für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenslagen kann das JRK mehr sein als ein Freizeitangebot, es kann ein Ankerpunkt und safe space sein.
Unsere Positionen und Forderungen
Digitaler Zugang ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Bund, Länder und Kommunen sind in der Pflicht, flächendeckende digitale Infrastruktur und niedrigschwelligen Gerätezugang sicherzustellen. Kein Kind darf aufgrund fehlender technischer Ressourcen von Bildung und Teilhabe ausgeschlossen werden.
Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts und muss als verpflichtender Bestandteil bayerischer Lehrpläne für alle Schularten verankert werden. Die Fähigkeit, digitale Inhalte kritisch einzuordnen, Desinformation zu erkennen und Algorithmen zu durchschauen, darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Die außerschulische Jugendarbeit ist dabei ein wichtiger Ergänzungsort.
Cybermobbing muss rechtlich, schulisch und gesellschaftlich konsequent als das behandelt werden, was es ist: Gewalt. An jeder bayerischen Schule müssen geschulte Ansprechpersonen für Betroffene vorhanden sein. Bestehende Beratungsangebote müssen ausgebaut und niedrigschwellig zugänglich gemacht werden.
Digitale Plattformen müssen stärker in die Pflicht genommen werden. Der bestehende EU-Rechtsrahmen, insbesondere der Digital Services Act, bietet dafür bereits Instrumente. Was fehlt, ist politischer Wille zur konsequenten Durchsetzung. Plattformen müssen verpflichtet werden, algorithmische Verstärkung schädlicher Inhalte für Minderjährige aktiv zu unterbinden und transparente Beschwerdemechanismen bereitzustellen.
Digitale Beteiligungsformate für Jugendliche müssen systematisch ausgebaut werden. Kommunen und der Freistaat Bayern sollen entsprechende Angebote schaffen und ihre Ergebnisse politisch ernst nehmen.
Unsere Selbstverpflichtung
Das Bayerische Jugendrotkreuz beschränkt sich nicht auf Forderungen an andere. Als Verband, der täglich mit und für junge Menschen arbeitet, verpflichtet er sich, die sieben Grundsätze des Roten Kreuzes auch im digitalen Raum aktiv zu leben. Das bedeutet konkret: Unsere Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit richten sich konsequent an den Werten aus, die wir nach außen vertreten: Respekt, Würde und Schutz der Persönlichkeitsrechte junger Menschen. Demokratische Werte, kritisches Denken und zivilgesellschaftliche Haltung sind fester Bestandteil unserer Aus- und Fortbildung für Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter. Für die Entwicklung konkreter medienpädagogischer Bausteine, die in der Gruppenarbeit eingesetzt werden können, arbeitet das JRK Bayern aktiv mit bestehenden Fachstellen zusammen (etwa dem Medienführerschein Bayern), statt eigene Konzepte von Grund auf neu zu entwickeln.
Wir verstehen diesen Leitantrag als Beginn eines verbandlichen Lernprozesses. Die digitale Welt verändert sich schnell. Wir wollen diese Veränderungen nicht nur begleiten, sondern mitgestalten. Im Sinne aller jungen Menschen, für die wir da sind.
Quellen
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs): JIM-Studie 2025. Jugend, Information, Medien. Stuttgart 2025. Abrufbar unter: www.mpfs.de
- SINUS-Institut / Barmer: Sinus-Jugendstudie 2023/2024. Cybermobbing unter Jugendlichen. Heidelberg/Berlin 2023/2024. Abrufbar unter: www.barmer.de
- Bertelsmann Stiftung: Upgrade Democracy. Desinformation als Herausforderung für die Demokratie. Gütersloh 2023. Abrufbar unter: www.bertelsmann-stiftung.de
- Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR): Fakten zu ungleichen Bildungschancen. Berlin 2025. Abrufbar unter: www.svr-migration.de
- klicksafe.de (Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz): Was ist Hate Speech und wie gehe ich damit um? Stand 2024. Abrufbar unter: www.klicksafe.de
- Goldkind-Stiftung: Social Media. Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Stand 2025. Abrufbar unter: www.goldkind-stiftung.de

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